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Ein Toast auf die Toten

Der Spiegel
03 July 2006

Von Ludwig, Udo und Mertin, Ansgar

Ein deutscher Anwalt bereitet eine Mammutklage gegen die Vereinten Nationen und die Niederlande vor. Seine Mandanten: 7930 Hinterbliebene der in Srebrenica massakrierten Bosnier.

Es sind diese unglaublichen Szenen, die Sabaheta Fejzic niemals vergessen wird. Es war seit Jahren Krieg in Bosnien, und im Sommer 1995 hatte jedermann in Srebrenica panische Angst vor den serbischen Milizen. Doch noch immer hofften die Menschen: auf die Vereinten Nationen, die die Stadt in Bosnien zur "Schutzzone" erklärt hatten, und auf die Blauhelm-Soldaten aus den Niederlanden, die seit über einem Jahr in der Nähe stationiert waren, um diese Schutzzone zu bewachen.

Aber dann, am 11. Juli 1995 eskalierten die Kämpfe um Srebrenica. Granaten flogen, Schüsse peitschten, und bald lagen überall Tote. Sabaheta Fejzic und ihr Mann rannten mit ihrem Baby zu einer Militärbasis der Holländer. Aber statt Zuflucht zu erhalten, wurden sie dort abgewiesen, das Lager sei überfüllt.

Und dann sah die Buchhalterin, was sie noch heute für unfassbar hält: Eine Gruppe serbischer Soldaten begegnete einem Trupp Holländer - und die Militärs begrüßten sich freudig. Sie warfen ihre Mützen in die Luft, und manche umarmten sich sogar. "Wir waren geschockt", sagt Sabaheta Fejzic.

Danach ahnten viele Flüchtlinge, was auf sie zukommen würde, weil sie keine Beschützer mehr hatten. In der folgenden Nacht seien die Serben gekommen, so berichtet die Frau aus Vogosca bei Srebrenica, und hätten sich wahllos Mädchen, Jungen und Männer aus dem Lager herausgegriffen. Sie habe noch einen Holländer auf die Deportationen aufmerksam gemacht, doch der Soldat habe sie nur zurückgestoßen. Auch ihren Mann hätten die Serben dann mitgenommen, und ihr Sohn sei ihr buchstäblich aus den Armen gerissen worden. Beide hat Sabaheta Fejzic nie wieder gesehen.

Die Serben ermordeten in diesen Juli-Tagen über 8000 muslimische Bosnier. Bis heute werden immer wieder Massengräber entdeckt. Die unrühmliche Rolle der Holländer bei dem Massaker war Gegenstand mehrerer Untersuchungskommissionen in den Niederlanden. Ministerpräsident Wim Kok übernahm die Verantwortung und musste wegen der Fehler der politischen und militärischen Führung gehen.

Elf Jahre nach dem Gemetzel bekommen die Geschehnisse des Sommers 1995 nun eine neue Dimension. Die größte unabhängige Rechtsanwalts-

kanzlei der Niederlande hat Schicksale wie die von Sabaheta Fejzic aufgearbeitet. Und im Herbst werden die Anwälte im Auftrag von rund 7930 Opfern und Hinterbliebenen den niederländischen Staat und die Vereinten Nationen vor dem Landgericht in Den Haag auf Schadensersatz verklagen. Es wäre das erste Mal, dass sich die Uno vor einem Gericht verantworten muss, weil ihre politisch und bürokratisch gehemmten Truppen die Menschen verrieten, die ihnen anvertraut waren.

Der Deutsche Axel Hagedorn ist Leiter der internationalen Abteilung der Amsterdamer Kanzlei Van Diepen/ Van der Kroef. "Wir haben uns die örtlichen Verhältnisse in Bosnien genau angesehen, und wir haben mit vielen Hinterbliebenen gesprochen", sagt der Rechtsanwalt. Er hat derart viele "grässliche Taten protokolliert", dass er glaubt, eine Klageschrift beisammen zu haben, die eine hohe Aussicht auf Erfolg hat.

Aber Hagedorn weiß auch, dass er die Wucht der Schicksale brauchen wird, um zu gewinnen, denn die niederländische Regierung versuche, "den Deckel draufzuhalten": Wiedergutmachung sei in den Niederlanden kein Thema, denn an die vielen Menschen, die wegen der jämmerlichen Haltung der Oranje-Truppen ihr Leben verloren, und an deren Hinterbliebene denke kaum noch jemand.

Wie sehr das Massaker hingegen die Menschen auf dem Balkan noch immer beschäftigt, musste vorvergangene Woche auch der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) bei einer Stippvisite in Bosnien erfahren. Bei Sarajewo kam Jung mit einem Mann über die Fußball-Weltmeisterschaft ins Gespräch.


Deutschland und Italien finde er ganz ausgezeichnet, sagte der junge Bosnier, nur mit Holland habe er so seine Probleme. Wieso denn das?, fragte Jung: "Haben Sie schlechte Erfahrung mit Holländern gemacht?"

Der Mann stockte und sagte dann nur ein Wort: "Srebrenica."

Hagedorn und seine Leute sehen ihre Arbeit deshalb auch als Angriff "gegen die Mauer des Schweigens". Nach zweijähriger Vorbereitung will das Anwaltsteam in dieser Woche in Holland mit den Fällen an die Öffentlichkeit gehen. "Das wird kein Zuckerschlecken für uns", sagt der Jurist, der vor einigen Jahren von Hamburg nach Amsterdam gezogen ist. Schließlich gebe es viele Holländer, die nicht mehr an die Geschehnisse in Bosnien erinnert werden möchten.

Die Anwälte haben zwei wesentliche Vorwürfe formuliert: Zum einen hätten die Niederländer, anders als es ihr Uno-Auftrag verlangt habe, die Muslime nicht beschützt, so dass die Bevölkerung zum Freiwild für die Serben geworden sei. Zudem habe der holländische Staat bekannt gewordene Gräueltaten nicht zeitig der Uno gemeldet - und auch deshalb sei keine zusätzliche Hilfe geschickt worden.

Er könne sogar nachvollziehen, sagt Hagedorn, dass "einige Soldaten aus Angst mit den Serben kollaboriert" hätten. Aber die holländische Regierung und die Vereinten Nationen hätten solche "völlig unvorbereiteten Leute" niemals einer Situation aussetzen dürfen, in der ernsthaft geschossen wird.

Zehn Anwälte in Holland und vier in Bosnien sind derzeit mit der Massenklage beschäftigt. Sie untermauern ihre Kritik an der niederländischen Armeeführung in erster Linie mit den Zeugenaussagen von Betroffenen wie Zumra Sehomerovic, 54.

Die Frau aus Srebrenica erzählt, wie sich holländische Soldaten widerstandslos von den Mannen des serbischen Milizenführers Ratko Mladic entwaffnen ließen. Einige Holländer hätten sogar ihre Uniformen ausgezogen - in die dann Serben geschlüpft seien. Am folgenden Tag hätten die Holländer, als sei nichts geschehen, in Reih und Glied mit den serbischen Tschetniks gestanden. Die Blauhelme hätten mitgeholfen, die muslimischen Männer von ihren Familien zu trennen. Zumra Sehomerovic sah ihren Ehegatten noch einmal, als er in einer Grube links neben der Straße stand. Seitdem fehlt von ihm jede Spur.

Die Schilderungen der Frauen sind auch deshalb für die Anwälte so wichtig, weil sie glauben, damit die bisherige Verteidigungslinie der niederländischen Regierung durchbrechen zu können. Die behauptet nämlich bis heute, ihre Soldaten hätten von den Gräueltaten nichts gewusst. Und selbst wenn sie davon gewusst haben sollten, hätten sie nichts tun können.

Nun berichten die Zeugen aber sehr detailliert davon, wie sie die Holländer immer wieder auf Morde und Vergewaltigungen hingewiesen hätten. Die Schutzzone sei doch derart überschaubar gewesen, sagt Hagedorn, da hätten "viele Soldaten die Schreie der Menschen und die Schüsse mitbekommen müssen".

Die Klage wird sich jedoch nicht nur gegen den niederländischen Staat richten, sondern auch gegen die Uno. Bisher argumentiert die holländische Regierung auch, ihre Einheit, "Dutchbat" genannt, sei Teil der Friedenstruppe Unprofor gewesen. Deshalb müssten sich alle juristischen Ansprüche gegen die Vereinten Nationen richten.

Folgen die Richter in Den Haag der Argumentation, wird sich Uno-Generalsekretär Kofi Annan womöglich auf die Debatte einstellen müssen, warum seine von Mitgliednationen geborgten Soldaten oft "nichts tun, wenn es ernst wird" (Hagedorn). Auch in Ruanda versagte die Uno völlig, als es brenzlig wurde.

Die erste juristische Hürde hat Hagedorns Mannschaft schon überwunden. Die niederländische Justiz hat zehn Mandanten, deren Fälle stellvertretend für die anderen verhandelt werden sollen, bereits Prozesskostenhilfe gewährt. Für diese zehn Frauen werden nun die Schriftsätze entworfen. Zudem wollen die Anwälte für die restlichen Betroffenen eine Stiftung gründen, der es dann nach holländischem Recht erlaubt wäre, eine Massenklage nach amerikanischem Vorbild einzureichen.

Zunächst wird das Gericht darüber entscheiden, ob der niederländische Staat für die Massaker mitverantwortlich ist und somit haften muss. In einem zweiten Verfahren ginge es dann um die Höhe der Entschädigungen.

Den meisten der Hinterbliebenen kommt es jedoch gar nicht so sehr auf das Geld an. Sie suchen auch heute noch nach der Antwort auf die Frage, warum die Holländer damals nicht wenigstens versucht haben, die serbischen Schlächter zu stoppen.

Kada Hotic etwa flüchtete im Juli 1995 mit ihrem Mann Sead und ihren Brüdern Ekrem und Mustafa vor den Serben in Richtung des Uno-Camps. Doch die Holländer hätten sie abgewiesen, sagt sie, und nichts für ihre Sicherheit und die der vielen tausend unbewaffneten Flüchtlinge getan.

Sicher, da waren nur 500 Holländer gegen eine erdrückende Übermacht von 15 000 Serben. Doch warum haben die Blauhelme keine Unterstützung angefordert, warum haben sie nicht um Luftschläge gebeten? Und warum haben sie sich nicht wenigstens anständig ergeben, sondern nach Augenzeugenberichten den Serben sogar noch geholfen? Und warum hat der verantwortliche holländische Befehlshaber Ton Karremans sogar dem Massenmörder Ratko Mladic zugeprostet, während dessen serbische Truppen draußen wüteten?

Hotic weiß nur, dass die Serben nach dem Toast auf die Toten dann auch ihren Mann und einen Bruder mitnahmen. Die Leichen von Sead und Ekrem fand man später in einem Massengrab. "Den Glauben an die Uno und an die ganze Welt habe ich deshalb verloren", sagt sie. UDO LUDWIG, ANSGAR MERTIN

* Oben: bei der Beisetzung identifizierter Opfer am 11. Juli 2004 bei Srebrenica; unten: im Juli 1995.

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(PDF, 542 Kb)

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