Pressemitteilung 08.11.2006 - Medaille für Dutchbat 3 im Zusammenhang mit Srebrenica
Das Verteidigungsministerium hat am 3. November 2006 mitgeteilt, dass es dem Personal von Dutchbat 3 eine Auszeichnung verleihen wird, als Zeichen der besonderen Anerkennung für die Teilnahme an der Friedensmission im ehemaligen Jugoslawien. Es stellt sich die Frage, warum jetzt diese Geste - mehr als elf Jahre nach dem Fall der bosnischen Enklave Srebrenica und nahezu fünf Jahre nach der Veröffentlichung des Reports des niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD)?
Wir gehen davon aus, dass der Fall der Enklave Srebrenica im Juli 1995 dem individuellen Soldaten von Dutchbat 3 nicht zur Last gelegt werden kann. Durch das Versagen der UN, der niederländischen Regierung und der Armeeführung wurde es ihnen unmöglich gemacht, ihrer Aufgabe, dem Schutz der ‚safe area’ Srebrenica und der sich dort befindlichen Bürgerbevölkerung, gerecht zu werden. Die Konsequenz war die Ermordung von 8.000 Bürgern durch die serbischen Truppen. Die Tatsache, dass so viele Soldaten gezeichnet und mit posttraumatischen Stressstörungen in die Niederlande zurückkehrten, sagt mehr als genug. Die niederländische Regierung zeigte sich für deren Lage bislang jedoch „taub und blind“.
Der Tausende von Seiten lange NIOD-Report von 2002, der im Auftrag der Regierung Kok 1 erstellt wurde, überschwemmt den Leser mit Informationen. Nahezu jedes Thema wird in dem Report ausführlich erörtert. Dem Leser, der sich durch den Brei von Informationen kämpft, um herauszufinden, welche schrecklichen Szenen sich während des Falls von Srebrenica abgespielt haben, bleiben die entscheidenden Antworten versagt. Der gewöhnliche Soldat wurde kaum vom NIOD gehört. Wer die Liste der über 900 Personen, die NIOD befragt hat, durchsieht, begegnet lediglich vereinzelt einem Soldaten oder Unteroffizier. Der größte Teil der Befragten besteht aus höheren Offizieren und hohen Funktionären. Von der Geschichte der vielen befragten bosnischen Hinterbliebenen ist fast nichts im NIOD-Report zu finden.
Anfang dieses Jahres haben wir im Namen einer Gruppe von 7.924 bosnischen Hinterbliebenen der Opfer des Falls der Enklave Srebrenica ein Gesuch für einen Dialog mit der niederländischen Regierung eingereicht, um so zu versuchen, eine würdige Lösung für ihre Probleme zu finden. Dieses Gesuch wurde von der Regierung resolut abgewiesen. Unsere Anträge an das Verteidigungsministerium, um Einsicht in Dokumente zu bekommen, wurden mit dem Hinweis auf die Staatssicherheit abgewiesen. Die Politik scheint alles dafür zu tun, dieses lästige Kapitel für immer zu schließen. Wir stehen jedoch am Vorabend einer Klage gegen den niederländischen Staat und die UN, die ihresgleichen noch nicht gesehen hat. Gleichzeitig fangen individuelle Dutchbatters an sich zu rühren, und ein Soldat geht gerichtlich gegen den Staat vor. Und nun findet das Verteidigungsministerium “plötzlich“ einen Grund, um die ca. 850 Soldaten von Dutchbat 3 auszuzeichnen.
Das Problem Srebrenica wurde kürzlich als eines der 50 wichtigsten historischen Höhe- und Tiefpunkte aus der niederländischen Geschichte ausgewählt. Nur derjenige, der seine Geschichte (er)kennt, kann eine Lektion für die Zukunft lernen. Im Hinblick auf das Engagement in immer mehr Missionen im Ausland ist dies eine bittere Notwendigkeit. Es wird Zeit, dass die vollständige Geschichte rund um den Fall von Srebrenica und das Versagen der Politik und der Armeeführung erzählt wird. Wenn die Politik den Mut hat, auch wirklich die Verantwortung zu tragen, können die Hinterbliebenen und die Dutchbatters die Verarbeitung der Geschehnisse abrunden. Erst dann können wir als Gesellschaft diese schwarze Seite der niederländischen Geschichte umblättern.
Dr. A. Hagedorn und M.R. Gerritsen
"Sie geben mir fundierten Rat. Keinen gutgemeinten Rat, den ich selbst hätte bedenken können."
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